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Das erste Jahr ohne eigenes Auto

Das erste Jahr ohne eigenes Auto

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Nun ist das erste autofreie Jahr um, ich war nur per Fahrrad, Öffis und Leihwagen unterwegs. Zeit für ein Fazit, und zwar ein positives: Seit dem Verkauf meines Autos spare ich Geld, Stress und Zeit.

Autofahren in der Stadt macht doch schon lange kein Spaß mehr, weil man sich an roten Ampeln langweilt, auf andere Autos glotzt und dabei nur blöde rumsitzt. Die unproduktivste, inaktivste und nervigste Zeit des Tages. Viel verlockender wäre es doch, per Fahrrad (Bewegung, Frischluft, keine Staus, überall Parkplätze) oder per Bahn (lesen, schlafen, am Handy daddeln) unterwegs zu sein und ein Auto nur noch zu mieten, wenn unbedingt nötig.

Schon länger reizt mich die Idee, doch bisher fehlten Mut und Anlass. (Mit der Story, warum ich mir vor fünf Jahren trotzdem ein neues Auto gekauft habe, will ich hier nicht langweilen.) Voriges Jahr brachte unser dreimonatiger Australien-Urlaub dann die Gelegenheit, und ich habe das Auto kurz vor Abflug verkauft.

Der Alltag

Auch für den Transport von Paketsendungen und eBay-Verkäufe zwischen Packstation und Wohnung bieten die Körbe meist genügend Platz; manchmal wird's etwas wackelig.

Auch für den Transport von Paketsendungen und eBay-Verkäufen zwischen Packstation und Wohnung reichen die Körbe; manchmal wird’s etwas wackelig.

Zur Arbeit komme ich in 15 bis 20 Minuten per Fahrrad, und zwar: durch den Wald. Glücklicherweise wohne ich nahe am Hannoveraner Stadtwald Eilenriede, und das Büro liegt ebenfalls am Waldrand. Mit dem Auto habe ich diese Zeit nur abends mit abgeschalteten Ampeln geschafft; zudem dauert die Parkplatzsuche sowohl am Büro wie auch zu Hause länger. Einkäufe erledige ich dank eines riesigen Edekas am Büro auch per Rad – schneller als per Auto, auch wenn ich etwas häufiger einkaufe. Habe mir extra nicht nur hinten, sondern auch vorne am Rad einen Gepäckträger mit diesem Klickfix-System anbringen lassen, sodass ich zwei Körbe draufstecken kann. Doch für die allermeisten Einkäufe reicht ein Korb.

Fetter Schnee macht wenig Spaß, Eis finde ich zu gefährlich. Aber ein paar Tage per Bahn gehen ja auch.

Fetter Schnee macht wenig Spaß, Eis finde ich zu gefährlich. Aber ein paar Tage per Öffis gehen ja auch.

Regen stört bei so kurzen Wegen kaum, für ultrastarken Regen habe ich Wechselklamotten im Büro. Das nervt dann schon, ebenso der lange arschkalte Frühling. Was mich nach dem ersten Jahr am meisten überrascht: An solchen Tagen vermisse ich das Auto nicht, obwohl es komfortabler war. Selbst die nassen und kalten Strecken per Fahrrad gefallen mir besser als per Auto. Bei Schnee und Eis fahre ich weder Auto noch Rad, da muss die Straßenbahn ran. Ja, Mantel mit Spikes kommen vielleicht im nächsten Winter, aber es handelt sich ja nur um wenige so richtig saukalte und gefährliche Tage.

Alle weiteren Besuche und Erledigungen gelingen per Rad viel schneller, sowohl aufgrund der besseren Parkplatzsituation (immer einer direkt am Ziel frei) als auch aufgrund der Unabhängigkeit von Staus. Weit raus muss ich nicht, und wenn, dann sind beispielsweise Touren mit Astrid zu verschiedenen Schwimmbädern eine schöne Ergänzung des Sportprogramms. Vermisst habe ich das Auto nur an vielleicht zwei, drei Tagen, aber Lösungen per Rad und Bus waren immer schöner, wenn ich denn mal den Arsch hochbekommen hatte.

Urlaube und Touren

Rad und Bahn sind kein gutes Team, da warten lästige Einschränkungen.

Rad und Bahn sind kein gutes Team, da warten lästige Einschränkungen.

Besuche bei Freunden und Familie sowie Städtetouren alleine oder mit Astrid: Da kam sowieso schon immer seltener das Auto zum Einsatz, lieber Bahn oder Fernbus. Die Bahn: stellt sich da blöde an, in den ICEs kein Rad, in den ICs schlechte Einstiege und Reservierungspflicht, in den Regionalzügen wenig Komfort und viele Umstiege. Dazu kommen enge, defekte oder schlicht fehlende Aufzüge an den Bahnsteigen. Bahn und Rad, das klappt nicht gut.

Rad und Zelt: Urlaub entspannt und unabhängig

Rad und Zelt: der entspannteste und unabhängiste Urlaub.


Der schöne Gepäckträger ging bei eBay weg.

Der MX-5 war jetzt auch nicht optimal für Reisen: Keine Möglichkeit, die Räder mitzunehmen, und der kleine Kofferraum zwang uns zu einem Gepäckträger. Der ging jetzt bei eBay weg.

Besser machen sich die Fernbusse, da muss man zwar auch reservieren, aber das Verstauen der Räder ist viel einfacher. Astrid ist Mitglied im ADFC, und dann kostet die Fahrradmitnahme bei Flixbus/Meinfernbus nichts. Die Fernbusse fahren halt nicht überall hin, gerade die Strecke von Hannover ins Ruhrgebiet ist mau. Toll übrigens: Städtetouren mit dem eigenen Fahrrad oder mit einem Leihrad vor Ort, ich kann mir Berlin und Hamburg anders kaum noch vorstellen (und Paris und Melbourne und Taipeh und Brisbane).

Radurlaube. Kein Unterschied, rein in die Bahn, raus am Ziel und losgeradelt. Flugreisen natürlich auch wie vorher.

Die per Auto erreichbaren Ziele: Da gibt es die größten Einschränkungen. Einiges ist per Zug/Bus und Rad erreichbar, doch das schränkt das Gepäck arg ein. Hier helfen die Leihwagen, und die haben dann direkt den größeren Kofferraum als mein Auto …

Die Leihwagen

Gleich drei Car-Sharing-Angebote liegen im Umfeld, Flinkster von der Bahn, Greenwheels (ehemals VWs Quicar) und Stadtmobil, ein regionaler Anbieter mit Kooperationspartnern in vielen Städten. Alle drei haben einen Grundtarif ohne Monatsgebühren sowie Tarife mit Grundgebühr und dann günstigeren Leihgebühren. Flinkster-Autos gibt’s an vielen größeren Bahnhöfen, ideal für Bahnreisen. Stadtmobil hat viele Fahrzeugtypen vom Kompakten über Kombis bis zu Lieferwagen, sogar einen MX-5 in der gleichen Farbe wie meiner in wenigen Laufminuten Entfernung.

Was habe ich mir da Nutzungsszenarien ausgedacht und durchgerechnet: Soundsooft pro Woche einkaufen, pro Monat mal abends zu Freunden, übers Wochenende weg, welcher könnte günstiger sein. Die Kurzform: Die kosten alle ungefähr gleich viel, und die Tarife mit Grundgebühr lohnen sich eigentlich erst dann, wenn man mehrmals pro Monat leiht oder auch länger, einen Wagen für zwei Wochen Urlaub beispielsweise. Da gibt es nämlich durchaus auch welche mit Transportmöglichkeit für Fahrräder – wobei die Leihwagen der klassischen Verleiher hier auch eine Alternative sind.

Und jetzt die spannende Frage: Wie oft habe ich die Leihwagen genutzt? KEIN EINZIGES Mal… Übers Reservieren bin ich nicht hinausgekommen. War einfach nicht nötig. Alle Einkäufe per Rad, alle Besuche per Öffis und Rad, alle Urlaube per Bahn/Bus und Rad. Es fühlte sich aber einige Male gut an, ein Auto in Reichweite haben zu können. Das reicht schon.

Die Nicht-Übertragbarkeit

Nur 44.000 km in vier Jahren, und es wurde immer weniger.

Der Tag des Verkaufs: In den vier Jahren bin ich nur 44.000 km gefahren, und es wurde immer weniger. Anfangs 14.000, dann 8.000 im Jahr, und in den letzten 10 Monaten keine 4.000 km mehr.

Finanziell hat sich der Verkauf auf den ersten Blick nicht gelohnt, weil das Auto gerade ein paar Monate abbezahlt war. Ich hätte also ungeschlagen billig weiter fahren können. Doch wenn ich Wertverlust, Unterhalt und Reparaturen rechne, kostete mich der Wagen immer noch rund 3.000 Euro im Jahr – ein Vielfaches von dem, was mich Öffis und Fahrrad-Wartung kosten. Und der dicke Batzen an Wertverlust ist ja schon weg, egal ob ich den Wagen behalte oder nicht. Etwa 40 Prozent des Neupreises habe ich noch bekommen, naja, inklusive Winterreifen-Felgen vielleicht nur 35, egal. Dieses Geld wäre aber einfach verschwunden über die nächsten Jahre, und nun habe ich es, und es vermehrt sich, weil ich Versicherungen, Tanken und Werkstatt spare.

Ja, meine Situation lässt sich nicht auf andere übertragen, da kommen viele Punkte glücklich zusammen: Nahe Arbeit, keine Kinder und Haustiere, fahrradbegeisterte Freundin, Spaß am Wohnen in der Innenstadt, Hannover ist flach und kompakt, weder Hobby noch Beruf fordern große Transportkapazitäten. Es kann gut sein, dass sich nur eine Kleinigkeit in unseren Lebensumständen ändert und ich kaufe mir wieder ein Auto, naja, oder nutze häufiger Car-Sharing. Mal gucken. Jedenfalls war die Entscheidung, die Kiste zu verkaufen, absolut richtig; ich fühle mich entlastet, entstresst, und an Autoschlangen radele ich noch immer mit breitem Grinsen vorbei.

Ein letzter Blick beim Autohändler...

Ein letzter Blick beim Autohändler…


3 Kommentare
  • Wow, echt stark! Ich befinde mich gerade in den ersten Schritten meiner Mission. Ich habe jedoch 2 Kinder, 42km zur Arbeit und es ist hügelig. :D

    Trotzdem möchte ich einen Großteil meines bisherigen Lifestyles ändern und nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren und auch sonst alle Tätigkeiten mit dem Rad aboslvieren. Daher soll der Zweitwagen verkauft werden. Das andere Auto bleibt dann der Frau überlassen, für Notfälle oder größere Distanzen. Immerhin, die kleineren Distanzen bis 15-20km erledigen wir jetzt schon mit dem Rad. Dem Croozer sei dank :)

    Eines interessiert mich aber sehr: Hast du einen Tipp für regenfeste Schuhe bzw. sonstige „must-have“ Ausrüstung für die schlechten Tage im Jahr?

    • Hi Thomas, danke fürs Lob ;-)

      An spezieller Ausrüstung habe ich nur Füßlinge, also so Gamaschen bis etwa halbe Schienenbein-Höhe. Dann bleiben Schuhe und Hose sauber, auch wenn ich durch Pfützen radele oder es regnet. Vorteil gegenüber Regenhose: Schneller anzuziehen, und ich kann sie am Rad abschließen statt den Dreck ins Haus/Büro zu tragen. Das nächste Paar würde ich mir wohl noch etwas höher wünschen, bis zu den Knien.

      Besonders regenfeste Schuhe würde ich mir erst kaufen, wenn ich länger als 20 Minuten zum Pendeln brauche; so ists noch egal ;-) Wichtig aber: Hose + Schuhe + T-Shirt + Handtuch im Büro. Helfen nicht nur bei doch überraschend starkem Regen, sondern auch Schwitzen etc.. Viele Kollegen haben zudem Schlappen, damit sie nicht den ganzen Winter in dicken Boots rumrennen, nicht nur Radler, auch Bahn- und Autofahrer.

      Sonst das Übliche: Gute leichte Regenjacke und ggf. leichte Handschuhe für den Sommer, warme Regenjacke und dickstmögliche Skihandschuhe für den Winter. Ob Rucksack (praktisch aber schwitzig), Messenger Bag (schick, praktisch, aber wackelig beim Fahren) oder (wie ich) Klick-Korb mit beliebigen Taschen (extrem flexibel, uncool ;-), ist Geschmackssache.

      Viel Erfolg auf Deiner Mission ;-)

  • Ich find es toll, wenn es sich einrichten lässt. Ich habe auch schon ein Jahr ohne Auto super überlebt. Ich habe hier auch die Bahn, ein Elektroauto, den Fernbus und AVM. Obwohl ich auf dem Land lebe und mein Auto vor 14 Tagen wieder abgegeben habe.

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